Die einleitenden Worte zum Pulverturm seien jemandem überlassen, der über 20 Jahre in selbigem wohnte, ihn liebte und ihm Leben einhauchte – Dr. Heinrich Schützinger, Lindauer Bürgermeister von 1894 bis 1919: “Ich habe nirgends ein derartiges Bauwerk getroffen, das sich hinsichtlich seiner originellen, landschaftlich hervorragend schönen Lage auch nur annähernd mit dem Lindauer Pulverturm messen könnte.”

Vom Wehrturm zum Pulverlager

Errichtet wurde das bullige Bauwerk am westlichsten Punkt der Insel im Jahr 1508 im Rahmen der Stadtummauerung. 1629 setzte man das Zeltdach des ohnehin schon niedrigen Rundturms nochmals zwei Meter tiefer, damit es feindlichen Angreifern weniger Fläche bietet. Mit Erfolg: Den Dreißigjährigen Krieg überstand der Turm unbeschadet. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde der Wehrturm schließlich zum Pulverturm umfunktioniert, die  Lindauer Bürgerwehr lagerte ihre Vorräte dort.

Zum Stelldichein im Pulverturm

1898 verwandelte sich die “Warte gegen Feindesüberfall” schließlich in “eine Stätte heiterer Geselligkeit” – so notierte es Bürgermeister Dr. Heinrich Schützinger, der damals als Turmherr einzog, in seinen Aufzeichnungen. Der König von Baden, der berühmte Luftschiffbauer Graf Zeppelin, der Dichter Paul Heyse und viele andere namhafte Gäste gaben sich ein Stelldichein im zum Aufenthaltsraum umgestalteten Erdgeschoss; eine neu gebaute Treppe führte in das Obergeschoss, das den würdigen Rahmen für zahllose Empfänge bildete. Bis 1919 residierte Schützinger im Pulverturm – seine Erinnerungen an die über 2000 Gäste, die er dort empfing, schrieb er im „Goldenen Buch“ nieder, welches heute im Besitz seiner Nachfahren ist.

Tagungs- und Veranstaltungslocation

Nach Schützingers Auszug ging es weniger glanzvoll mit dem Turm weiter: die Franzosen nahmen ihn 1945 in Beschlag und gaben ihn erst im Frühjahr 1952 wieder frei. Seit 1969 ist der Pulverturm Eigentum der Stadtwerke Lindau, die ihn 1988 renovieren ließen. Heute können die drei Etagen für Tagungen und Feiern gemietet werden – doch die illustren Gäste von früher, ihre Tee-Abende und Bacchus-Nächte bleiben vermutlich unerreicht…

Übrigens: Die aus zwei Schützen bestehende Artillerie der Lindauer Bürgerwehr bekam bei einer Inspektion einst ziemlichen Ärger. Können Sie sich vorstellen, warum? In gewitzt-schwäbischer Art hatten die Männer aus dem Lagergut des Pulverturms Profit geschlagen: Für die jährlichen Schießübungen füllten sie die Kartuschen nur sehr sparsam mit Pulver, die dadurch übrig gebliebene Munition verkauften sie – und aus der “Pulverkasse” finanzierten sie sich alljährlich einen herbstlichen Suser-Ausflug in die Schweiz. Aufgeflogen ist dies übrigens nur, weil die Detonationen beim Abfeuern der Geschütze immer schwächer wurden.

Der Pulverturm kann nur von außen besichtigt werden.

Pulverturm

Uferweg 15
88131 Lindau

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