Der Bodensee gilt als eines der besterforschten Gewässer der Welt. Dennoch stellt er die Wissenschaft immer noch vor neue Rätsel. Derzeit besonders im Fokus der Forscher sind die Folgen des Klimawandels, der Globalisierung – und ein räuberischer Neuling.

Der gefährlichste Bewohner des Bodensees ist ein possierliches Tierchen, so wie er daliegt unter dem Mikroskop. Keine sieben Zentimeter misst er, die drei gezackten Stacheln auf der Oberseite könnten auch einer Kinderzeichnung entstammen. Aber davon lässt sich Sarah Gugele nicht täuschen. Sie weiß ganz genau, »wie viel Ärger der macht«. Sein Name: Gasterosteus aculeatus, auf Deutsch: Dreistachliger Stichling. In der Wissenschaft bekannt ist die eher unscheinbare Fischart vor allem dafür, dass sie während ihres Brutgeschäftes Nester baut. Auch deshalb hat der  Deutsche Angelfischereiverband den Dreichstachligen Stichling zum Fisch des Jahres 2018 gekürt. Am Bodensee ist er aus einem anderen Grund berühmt und berüchtigt geworden: Der Stichling frisst Felchenlarven.

Wie und warum der Stichling sich plötzlich derart ausgebreitet hat und was man dagegen tun könnte: Das Thema von Sarah Gugeles Doktorarbeit an der Fischereiforschungsstelle des Landes Baden-Württemberg ist nur eines der faszinierenden Rätsel, vor das Deutschlands größtes Stillgewässer die Wissenschaft wieder einmal stellt. Dabei gilt der Bodensee als eines der am besten erforschten Gewässer überhaupt. Bereits 1919 entstand in Konstanz die Anstalt für Bodenseeforschung, 1990 folgte die Gründung der Fischereiforschungsstelle – damals mit dem Ziel, die bestmögliche Versorgung der Menschen am See mit Fisch sicherzustellen. Heute geht es darum, die Fische nachhaltig zu nutzen, zu schützen und weiter zu entwickeln.

 

Verwandlung des Bodensees ist ein wichtiges Thema

Formal ist die Fischereiforschungsstelle beim Landwirtschaftsministerium und das ISF beim Umweltministerium des Landes Baden-Württemberg angesiedelt. Die inhaltlichen Überschneidungen in der täglichen Arbeit sind aber zahlreich, und auch deshalb sind beide Institute seit 2010 in einem schmucken Holzbau am Yachthafen Langenargen, knapp 15 Kilometer von der Lindauer Insel entfernt, vereint. Etwa 60 Mitarbeiter sind hier insgesamt beschäftigt. Die Forschungsaufträge, die zumeist aus der Politik kommen, beziehen sich auf das gesamte Bundesland. Das vielleicht wichtigste Thema derzeit ist aber die Verwandlung des Bodensees. Denn die ist massiv. Die Folgen der Globalisierung, der Klimawandel und Existenzängste: Das, was im Bodensee passiert, klingt fast wie eine Geschichte aus der großen Politik.

Ökologisch betrachtet, sind es vor allem zwei Entwicklungen, die die Transformation ausmachen. Da ist zum einen die menschliche Überformung der Natur. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts wurde der Bodensee – wie viele andere Gewässer auch – regelrecht gedüngt, vor allem mit Phosphat, das vermehrt in der Landwirtschaft und als Enthärter in Waschmitteln verwendet wurde und so in den Bodensee gelangte. Der wichtigste Trinkwasserspeicher Mitteleuropas drohte umzukippen.

Aufwändige Rettungsaktion für den Bodensee war erfolgreich

Eine spektakuläre Rettungsaktion begann. 1972 wurde die Internationale Bodensee Konferenz (IBK) ins Leben gerufen, in der die Länder und Kantone der vier Anrainerstaaten – Deutschland, Österreich, Schweiz und das Fürstentum Liechtenstein – versammelt sind. Die IBK beschloss den Bau von Kläranlagen rings um den Bodensee. Umgerechnet investiert man mehr als vier Milliarden Euro. Mit Erfolg. »Innerhalb kürzester Zeit haben wir die Nährstoffe zunächst nach oben und wieder zurück auf das Niveau der 1950er-Jahre gebracht. Ein solches Experiment mit einem derart gewaltigen Wasserkörper sucht seinesgleichen«, sagt PD Dr. Alexander Brinker, Leiter der Fischereiforschungsstelle.

Hari Pulko

Aus Sicht der vier bis fünf Millionen Menschen, die ihr Trinkwasser aus dem Bodensee beziehen, aus Sicht der Gewässerschützer, aus Sicht der Badegäste und der Einheimischen ist dieses Experiment geglückt. Der Bodensee ist heute wesentlich sauberer als vor Jahrzehnten. Zu sauber – sagen die Fischer. Sie fühlen sich als Verlierer der Rettungsaktion. Denn mit der Reduktion des Phosphatgehalts um mehr als das Zehnfache sind auch ihre Erträge eingebrochen. Bis zu 1.800 Tonnen verfingen sich Mitte der 1970er-Jahre in den Netzen der Berufsfischer, 326 Tonnen waren es 2016. Zu den besonders betroffenen Arten zählt dabei einer ihrer Brot- und Butterfische: der Felchen. Das Felchenfilet »Müllerin Art« fehlt auf kaum einer Karte in den Restaurants der Region. Doch um den Bedarf von ungefähr 1.000 Tonnen Felchen pro Jahr zu decken, werden viele Fische eingeflogen: aus Russland oder Kanada.

Für die Fischer ist die Sache klar: Mehr Phosphat gleich mehr Algen gleich mehr Fische. Doch stimmt diese Gleichung auch? »Statistisch gesehen ja, aber ein Gewässer funktioniert nicht wie ein Acker«, sagt Dr. Martin Wessels, stellvertretender Leiter des ISF. »Wir haben es hier mit einem Nahrungsnetz zu tun, das auf vielfältige Weise verknüpft ist. Man zieht an einem Fädchen, und es wackelt an einer ganz anderen Stelle.« Für Wessels steht fest: Die Erfolge des Gewässerschutzes darf man nicht für ein weiteres Großexperiment mit völlig ungewissem Ausgang riskieren. Und außerdem müsse man sich klar machen, dass ein Weniger an Abwasserreinigung auch andere, unerwünschte Substanzen wieder zurück in den Bodensee bringen würde.

Hari Pulko

Langfristige Lösungen sind gefragt

»So wie er heute ist, ist der Bodensee fit für die Zukunft«, sagt Wessels. Aber man müsse die gesamte Ökologie im Blick behalten und langfristig denken – gerade in Zeiten des Klimawandels. Früher hat sich der Bodensee gegen Ende des Winters wie eine riesige Umwälzpumpe einmal komplett durchmischt. Doch weil er sich an der Oberfläche in den vergangenen Jahrzehnten deutlich erwärmt hat, ist er jetzt »geschichtet wie eine Sahnetorte«, wie DER SPIEGEL schrieb. Weniger Durchmischung sorgt für weniger Sauerstoff am Boden, und dies führt zu mehr Phosphat – so argumentieren, vereinfacht gesagt, die Forscher.

Und außerdem: Ist der Phosphatmangel überhaupt der Hauptgrund für den Felchenrückgang? Hier kommen der Stichling und der zweite große Hauptstrang der Verwandlungsgeschichte
ins Spiel: die neuen Mitbewohner, die sogenannten Neozoen. Zwar zeichnet sich der Bodensee seit jeher durch seine große Vielfalt an rund 30 verschiedenen Fischarten aus. Denn seit den 1970er- Jahren wächst die Zahl der Neueinwanderer beträchtlich an – ein Effekt der Globalisierung. Viele dieser Tiere dürften als »blinde Passagiere« auf Schiffen und Wanderbooten oder an der Kleidung von Sporttauchern in den Bodensee gelangt sein, weshalb eine gründliche Desinfektion ein großer Wunsch der Wissenschaftler ist. Viele davon verhalten sich völlig unauffällig, andere bereiten den Forschern hingegen Kopfzerbrechen. Warum zum Beispiel tritt eine bestimmte Alge in einem Jahr auf und ist im nächsten Jahr kein Thema? Dr. Petra Teiber-Sießegger, am ISF unter anderem für Neozoen zuständig, bekennt: »Wir glaubten, dass wir den Bodensee sehr gut verstehen. Doch er hat uns eines Besseren belehrt. Wir verstehen eigentlich noch gar nichts.« Der Stichling, ein Fisch, der sich üblicherweise in Nähe des Ufers aufhält, gelangte wohl um 1940 in den Bodensee – vielleicht durch Aquarianer. Jahrzehnte blieb er unauffällig, bis 2014 im Rahmen des von Schweizer Seite aus initiierten »Projet Lac« der Bodensee mit großen Netzen komplett durchgefischt wurde. »Hätte man mir damals gesagt, dass 95 Prozent der Fische im Freiwasser Stichlinge sind, hätte ich mein Motorrad dagegen verwettet«, erinnert sich Alexander Brinker. Doch das, was auf dem Echolot wie kleine Felchen aussah, waren tatsächlich die räuberischen Eindringlinge.

Weitere Forschungen sind vonnöten

Im Aquarium haben die Forscher nachgestellt, was im Wasser passiert: Diejenigen Fischlarven, die evolutionär an Räuber angepasst sind, flitzen im Zickzack um die Stichlinge oder bilden Schwärme. Die Felchenlarven hingegen, die im Bodensee keinen natürlichen Feind kannten, wehren sich nicht – und werden gefressen.

Gibt es eine Lösung für das Problem? Die Fischereiforschungsstelle hat dazu die Möglichkeiten untersucht, im Bodensee Aquakulturen für die Felchenzucht zu errichten. ISF-Forscher Wessels findet, dass die Fischer ihre hart erarbeiteten Fänge, zertifiziert als ökologisch wertvoller Wildfang, viel teurer verkaufen müssten. Manche Fischer wollen Stichlinge in den Mägen größerer Raubfische gefunden haben. Andere Hoffnungen knüpfen sich an die Identifikation der Laichplätze, wo man die Eindringlinge dann in großem Stil abfischen könnte.

Bis es soweit ist, wird Sarah Gugele noch viele Stichlinge gefangen und untersucht haben. Einmal im Monat fährt sie nachts hinaus auf den Bodensee. Das Gefühl kennt die 26-Jährige gut. Westlich von Bregenz, direkt am Rhein, ist sie aufgewachsen. Ihr Vater ist Berufsfischer und hat sie schon als Kleinkind mitgenommen. Jetzt könnten ihre Forschungsergebnisse vielen Fischern in einer existenzbedrohenden Lage helfen.