In Lindau gibt es zahlreiche Traditionen – wir verraten Ihnen, was es mit dem kleinen Kiosk und seiner Geschichte auf sich hat.

Haben Sie schon mal vom „Milchpilz“ gehört? Nein, das ist kein Waldgewächs und auch keine Krankheit – sondern ein Kiosk mit Kultstatus. Die kleinen Hütten in Fliegenpilzform wurden einst zur Verkaufsförderung von Milch und Milchprodukten entworfen. Heute gibt es weltweit nur noch acht Exemplare – eines davon in Lindau.

4 Meter hoch, 3,15 Meter Durchmesser: Der Nutzraum im Milchpilz war und ist begrenzt. Das Standardmodell der Hermann Waldner KG hatte eine Glastür, vier Schiebefenster, drei Einbautische sowie vier Regale und konnte für 6.623 DM erworben werden. Zubehör wie Einbaukühl-schrank, Schlagsahnezapfer und Eismaschine war optional erhältlich. © WALDNER Unternehmensgruppe

Seinen Ursprung hat der Milchpilz in den 50er-Jahren: Die Wirtschaft boomte, die Menschen gingen wieder öfter aus und trafen sich in Bars und Cafés. Alkohol war allerdings erst ab 21 Jahren erlaubt, und aus Sicht der Molkereien gingen auch nicht genügend Milchprodukte über die Theke. Ein Werbekonzept musste also her. Bei der Tagung der „Großstädtischen  Milchversorgungsbetriebe“ im Mai 1952 in Bayreuth wurde der erste „Milchverbrauchs-Werber“ präsentiert: ein weißer Holzfertigbau in Form eines Fliegenpilzes, produziert von der Hermann Waldner KG aus Wangen im Allgäu. Der fröhlich anmutende, einfach aufzustellende und praktisch designte Kiosk fand die Zustimmung der Branche und wurde fortan in Serie produziert. Abnehmer fanden sich nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Schweiz, in Österreich, Italien, Frankreich, Belgien und Griechenland. In Strandbädern und Parkanlagen, an Sportplätzen und Autobahnen lockte der weiße Bau mit leuchtend rotem Dach nun die Gäste an. Verkauft wurden hauptsächlich Milch und Milchgetränke sowie Speiseeis und antialkoholische Getränke.

Lindau erhielt einen der ersten Milchpilze

Insgesamt 49 Milchpilze verließen das Werk in Wangen – der letzte ging am 21. November 1958 nach Mannheim. Auch im benachbarten Bregenz (Österreich/Vorarlberg) wird noch ein Milchpilz betrieben. Die anderen Exemplare stehen in Wangen (Baden-Württemberg), Regensburg (Bayern), Mardorf und Rosengarten (Niedersachsen), Oldendorf (Nordrhein-Westfalen) sowie in Österreichs Hauptstadt Wien.

Wohl auch aufgrund der räumlichen Nähe zum Produktionsort im Allgäu erhielt Lindau den ersten in Serie gefertigten Milchpilz: Am 13. Mai 1952 wurde der Kiosk in der Nähe des Toskanaparks aufgestellt. Zwei Jahre später zog man ihn um zum Sina-Kinkelin-Platz auf der Insel, wo er heute noch steht und von Theo Kiapidis und Jessica Bühler betrieben wird. „Ich bin mit dem Milchpilz in der Nachbarschaft aufgewachsen – als kleiner Junge habe ich mir hier immer Eis oder Süßigkeiten geholt“, erinnert sich Kiapidis. „Als der Milchpilz dann 2014 vom Vorbesitzer zur Pacht freigegeben wurde, konnte ich nicht anders: Ich musste zugreifen.“ 2016 eröffnete der ehemalige Barbesitzer den Kiosk wieder – unter der Prämisse, Traditionelles behutsam mit Neuem zu verbinden. „Was den Milchpilz so beliebt macht, ist ja der nostalgische Aspekt“, so der 39-Jährige.

Der Lindauer Milchpilz ist aufgrund der Bauarbeiten für die Landesgartenschau derzeit nur eingeschränkt zugänglich. © Hari Pulko

Design der 50er-Jahre lässt die Herzen höher schlagen

Das charmante, charakteristische Design der 50er-Jahre blieb daher erhalten – inklusive alter Werbefahnen, Softeis und der gewohnt großen Auswahl an Süßwaren. Neu hinzugekommen sind selbst kreierte Snacks wie Hot Dogs und einige regionale Produkte. Und die Mischung kommt gut an – sowohl bei den Touristen als auch den Einheimischen. Der Großteil der Besucher sind Stammgäste, die die lauschige Atmosphäre unter den großen Kastanien zu schätzen wissen.

Durch die Nähe zur Hinteren Insel – einem beliebten Platz zum Baden und Grillen – finden viele Auswärtige eher zufällig zum Milchpilz und sind dann begeistert von dem architektonischen Kleinod. Geduldig erzählen Theo Kiapidis und seine Lebensgefährtin Jessica Bühler allen Interessierten, was es mit dem kleinen, unter Denkmalschutz stehenden Häuschen auf sich hat – und warum sie beide ihr Herz an den Lindauer Milchpilz verloren haben.